Auf dem Weg zu meiner Mutter hat mich der Geruch von nassem Laub überfallen. Bisher war er mir höchstens als unangenehm faulig aufgefallen, meist aber gar nicht. Diesmal erinnerte er mich an Herbsttage auf dem Schulhof meiner Grundschule auf dem hohe Bäume standen, in denen im Frühjahr die Elstern nisteten und im Herbst eine dicke Laubschicht das Laufen zu einer Rutschpartie machte.
Woher kommt so eine Geruchsverbindung nach all den Jahren? Liegt es daran, dass meine eigenen Kinder nun in der Grundschule sind? Es ist so viel Zeit vergangen seit damals und ich bin alt geworden.
Die Zeit ist sowieso ein merkwürdiges Ding. Sie scheint mit jedem Tag schneller zu laufen, was mich ständig daran erinnert dass meine innere Uhr tickt und doch erscheint sie rückblickend unglaublich gedehnt und Dinge, die erst letzten Monat waren sind wie in einen Nebel gehüllt und weit entrückt.
Für mich ist Zeit der ständige Wechsel zwischen Tag und Nacht - eine überschaubare stets ungefähr gleich lange Zeiteinheit, deren Verstreichen ich spüre und um deren nächtliche Hälfte ich mich stets durch den Schlaf betrogen fühle. Ich werde nie verstehen, wie manche genußvoll Tage verschlafen. Für mich ist das nur Zeit, die unrettbar verloren ist. Wenn ich schlafe, folge ich nur einer ärgerlichen Notwendigkeit.
Klaus Maria Brandauer hat mal gesagt, der Tod begleite ihn immer - am Tisch sitze er neben ihm, im Flugzeug hinter ihm ... So geht es mir auch. Wann hat das begonnen? Ich muss gerade erwachsen gewesen sein aber so recht kann ich mich nicht mehr erinnern. Manchmal empfinde ich das als Last, und beneide alle die sorglos leben und die Zeit nicht verstreichen sehen. Dann wieder denke ich, dass ich vielleicht das Leben bewußter genieße.
Der Geruch nach nassem Laub währte nur Sekunden und wurde dann von dem nach Hundekot als Gegenwart gelöscht. Aber nicht als Erinnerung, die ich wie ein Buch ins Regal der Vergangenheit stelle.
Mittwoch, 12. November 2008
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